Wer hätte gedacht, dass man als zukünftige Selbstversorgerin ein neues Fremdwörter-Lexikon anlegen muss! Auf dem ersten Selbstversorger-Kurs meines Lebens lerne ich gleich zwei „Fachbegriffe“, die ich behalten kann: „Abgeschneckt“ für die Wüste, die Schnecken im Gemüsegarten hinterlassen und „durchgemyzelt“ für den kompletten Pilz-Durchwuchs eines Baumstamms. Genau so fühle ich mich nach einer Woche: Die Kapazität meines Gehirns ist „abgeschneckt“, in meinem Kopf tümmelt sich so viel neues Wissen, dass in meinem Gehirn eine Wüste der schieren Verzweiflung herrscht. Hilfe, wie behalte ich das alles und wie setze ich es um? Außerdem bin ich nun vollständig durchgemyzelt vom Selbstversorger-Tatendrang und unwiderruflich vom Selbstversorger-Pilz infiziert. Aber der Reihe nach…
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Dörrhaus (Teil 1): Kick Off
Was macht man, wenn man mit vielen Tomaten, Äpfeln, Pfefferminzen und Kräutern rechnet? Einfrieren braucht so viel Energie, Einmachen kann ich (noch) nicht. Hm. Trocknen? Dazu taugt einmal der Ofen – leider auch viel Energie, oder der Profi-Dörrautomat für ein paar hundert Euro, der auch wieder Strom verbraucht. Also scheint mir die Luft doch die einfachste Selbstversorger-Methode zum Trocknen und haltbar machen zu sein. Damit das schneller und besser geht braucht es ein Dörrhaus, das die Luft mit selbstgebauter Solaranlage heißer macht und so schneller und effizienter zum Ziel führt. Theoretisch.
Bei den Profis
Meine Bio-Gärtnerin Irmi nimmt mich mit zu den Profis. Ich soll mal sehen, wie man es ordentlich macht, so ganz ohne Chaos im Gewächshaus. Dann stehe ich in Miesbach, Bayern, in den Gewächshäusern des BioGut Wallenburg und bin völlig beeindruckt:
Neue Gärtnerjobwelt
Meine neuen Kollegen sind Brennessel und Borretsch. Sie passen im 400qm großen Gewächshaus auf die Tomaten, Auberginen und Stangenbohnen auf, um die auch ich mich gerade ein bisschen kümmern darf. Die Bio-Gärtnerin Irmi lässt mich in nächster Zeit etwas über ihre Schulter schauen.
Kurz mal ge“wwoof“t
Wie man in Bayern sagt: Des, wenn i gwüsst hätt! So ungefähr ging es mir, als ich vom wwoofen im Internet erfahren habe. Mit 20 (also vor 20) Jahren hätte ich das mal gerne gekannt. „World Wide Opportunities on Organic Farms“ heißt ein Netzwerk, in dem sich Bio-Bauernhöfe und freiwillige Helfer weltweit gegenseitig finden können. Die „Willing Workers on Organic Farms“ arbeiten für Kost & Logis & lehrreiche Erfahrungen im Grünen. Die Bauern freuen sich über helfende Hände. Unter www.wwoof.de kann man sich anmelden und stöbern, welche Höfe in Deutschland mitmachen. Prompt finde ich einen in unserer Nähe, bei dem ich mal einen Nachmittag so zum Schnuppern vorbei kommen darf.
Der Erdbeerbaum
Erdbeeren anzubauen kann ziemlich frustrierend sein, wissen wir noch aus unserem Gemüsegarten am alten Wohnort bei Bad Tölz. Sie brauchen viel Platz, werden oft von anderen Gartenbewohnern stibitzt oder faulen am Boden weg, wenn man sie nicht richtig pflegt. Wenn jeder von uns drei selbstangebaute Erdbeeren im Jahr essen konnte war es schon ein gelungenes Erdbeer-Jahr. Da kam uns die Idee von John Seymour und Will Sutherland in ihrem tollen Werk „Das neue Buch vom Leben auf dem Lande“ gerade recht: Das Erdbeerfass!
Holla, der Hollersirup!
Schon seit Jahren trinke ich Holundersirup-Schorle. Schon seit Jahren nehme ich mir vor, den einmal selbst zu machen. Dann sehe ich irgendwann im Sommer die roten Holunderbeeren am Holunderbaum (bzw. – Strauch, da ist man sich nicht sicher) hängen. Mist! Schon wieder zu spät, um die duftenden Blüten zu sammeln und einzumachen.
Dieses Jahr passiert mir das nicht, habe ich mir vorgenommen. Ich habe sogar schon überlegt, wo der Holunder bei uns in der Gegend wächst und mir ein Exemplar gemerkt. Dann kam der Tag, an dem ich das ausufernde Gebüsch am Gartenzaun zurecht stutzen wollte, damit die Nachbarn mit ihrem Auto wider die Einfahrt finden. Im und über dem Urwald entdecke ich vertraute Blüten. Ein Hollerbusch steht genau in unserem Garten, völlig unbemerkt!
Das Mairüben-Experiment
Es ist doch immer das Gleiche vorm Gemüseregal im Laden: Tomaten, Gurken, Zucchini und co. Irgendwann hat man alles schon x-Mal durchgekocht und auf nichts davon mehr Lust. Wenn dann mal ein neuartiger Pak Choi im Regal liegt denkt man sich: Ja, eigentlich eine gute Idee, aber wer weiß ob es schmeckt und wie kocht man den überhaupt und ach, viel zu kompliziert das alles, lieber doch her mit den Zucchinis.
Moment! So kann es nicht weitergehen. Schon gar nicht im eigenen Gemüsegarten, wo man doch alles so schön selbst im Griff hat. Endlich Gelegenheit, anzubauen, was der Mensch schon lange vergessen hat.
Das Windschutz-Rindenparadies
Wir haben gehört, das Gemüsebeet braucht einen Windschutz. Irgendwie einleuchtend. Nur haben wir keinen Platz für eine Hecke und Mauern sehen so gar nicht nach Omas Landromantik aus. Die Frage blieb ungeklärt. Bis zu einem Hundespaziergang über die Hügel drei Dörfer weiter. Dort wohnt Bartholomäus. Er trägt Blaumann über seiner stämmigen Figur. Unter dem Bart kämpft sich ein verschmitztes Lächeln hervor. Schweiß perlt über die Stirn. Der Filzhut sitzt schief. Bartholomäus zerkleinert vor seinem Hof das Holz mit der Motorsäge. Hände wie Löwenpranken zittern im Rhythmus des waldmännischen Fachgeräts.
Anzucht: Grünes Leben hinter Plastik
Wir haben bei Bingenheimer Saatgut und Dreschflegel Samen für Gemüse, Blumen und Gründungung bestellt. In den günstigen Gewächshäusern ist fast alles gut aufgegangen. Die Klassiker sind mit dabei: Gurken, Tomaten, Blumenkohl, Brokkoli, Kohlrabi, Sellerie, Möhren, u.a. Wir haben auch alte Sorten ausprobiert: Teltower kleine Rübe, Mairübe, Haferwurz.